Kapazitätsplanung

9. Tagfertigkeitsmonitoring und -reporting

In den vorangehenden Kapiteln wurden grundlegende Werkzeuge und Methoden für die Kapazitätsplanung und -steuerung sowie für einen ressourceneffizienten Personaleinsatz vorgestellt. Dabei wurde auch die Nutzung von Kennzahlen und Visualisierungsbausteinen sowie von Simulationsfunktionen anhand praktischer Anwendungsbeispiele erläutert.

Die bisherigen Betrachtungen der Kapazitätsbedarfsplanung und der Auftragsabwicklung bezogen sich schwerpunktmäßig auf die Tagesebene, d.h., sowohl die Auftragseinplanung als auch die operative Auftragsabwicklung erfolgen tagesbezogen und ermöglichen damit keine differenzierte Bewertung der Prozessqualität der operativen Auftragsbearbeitung.

Wenn man den operativen Auftagsabwicklungsprozess im Zusammenspiel zwischen dem Planungssystem und den am Durchsetzungsprozess beteiligten Mitarbeitern differenzierter betrachten möchte, bietet sich dafür ein so genanntes Tagfertigkeitsmonitoring und –reporting an.

Ziel der Auswertung der Tagfertigkeit ist die Messung, wie viel der für einen definierten Zeitraum geplanten Arbeit auch innerhalb des Zeitraums korrekt geleistet wurde. D. h. Prüfung der Abarbeitung der

  • geplanten Arbeitsgänge
  • der geplanten Menge (bzw. des geplanten Planzeitanteils)
  • zum geplanten Zeitpunkt (bzw. im geplanten Zeitraum).

Bei der Tagfertigkeitsbetrachtung wird zwischen Online-Tagfertigkeit und historischer Tagfertigkeit unterschieden. Die Online-Tagfertigkeit misst untertägig den Fortschritt der Arbeit, wenn regelmäßig Rückmeldungen getätigt und verarbeitet werden. Eine Visualisierung des Fortschritts vor Ort kann beispielsweise über Großbildschirme in der Produktion erfolgen.
Die historische Tagfertigkeit betrachtet die gespeicherten Tagfertigkeitswerte im Zeitverlauf. Die Auswertung kann für verschiedene Verdichtungsebenen erfolgen, z. B. im Monatsverlauf oder für Arbeitssystemgruppen statt Einzelarbeitssystemen, bei flexibel einsetzbarem Personal innerhalb einer Gruppe.

Bei der Kennzahlenberechnung werden die für die Tagfertigkeit positiv und negativ zu wertenden Arbeitsgänge im Vergleich zur Belegungsliste ermittelt. Anschließend wird deren Ist-Auftragszeit des Tages mit den gemäß Kapazitätsterminierung eingeplanten Stunden Auftragszeit abgeglichen.
Hieraus ergibt sich dann eine Gesamtkennzahl „Tagfertigkeit“ als Prozentwert.

9.1 Methodik

Im Planungslauf der Kapazitätsterminierung/Auftragseinplanung wird eine Belegung für den kommenden Tag bzw. für den arbeitsplatzbezogenen Belegungslistenzeitraum ermittelt (Sortierkriterium: Ist-Beginn bzw. spätester Planbeginn). Messgrößen für die Tagfertigkeit sind die für den Tag bzw. Zeitraum geplanten Arbeitsgänge laut Belegungsliste und die kapazitätsmäßig eingeplanten Stunden des Tages bzw. Zeitraums.

Wenn ein geplanter Arbeitsgang zum geplanten Beginn-Zeitpunkt nicht am Arbeitssystem physisch vorliegt, d. h. nicht im Direktbestand ist, darf der Mitarbeiter einen anderen Arbeitsgang bearbeiten, um nicht warten zu müssen.

Akzeptiert und damit der Tagfertigkeit nicht negativ angerechnet werden in diesem Fall:

  • Vorziehen eines Arbeitsgangs aus dem Direktbestand
  • Beachtung der weiteren Reihenfolge lt. Belegungsliste

Nicht akzeptiert und daher bei der Tagfertigkeit negativ angerechnet werden:

  • Reihenfolgevertauschungen bei Vorliegen der nächsten geplanten Arbeitsgänge im Direktbestand

Jeweils kundenspezifisch zu klären ist die Bewertung:

  • wenn der nächste geplante AG laut Belegungsliste noch nicht im Direktbestand ist und die Arbeitsgänge, die bereits im Direktbestand sind, noch nicht im Nahbereich, z. B. am vorliegenden Tag, fällig sind.

9.2 Tagfertigkeitskennzahlen

Folgende Kennzahlen sind u. a. Bestandteil der Tagfertigkeitsbetrachtung:

  • Arbeitsgangtreue (Bezug: Anzahl Arbeitsgänge)
    = (Anzahl geplanter und bearbeiteter Arbeitsgänge) / (Anzahl geplante Arbeitsgänge)
  • Arbeitsgangtreue Leistung (Bezug: Arbeitsinhalt)
    = (Ist-Stunden geplanter und bearbeiteter AG) / (Geplante Stunden)
  • Leistungstreue (Bezug: Arbeitsinhalt)
    = (Ist-Stunden gesamt) / (Geplante Stunden)
  • Anteil arbeitsgangtreue Stunden an den gesamten Ist-Stunden (Bezug: Arbeitsinhalt)
    = (Arbeitsgangtreue Ist-Stunden) / (Ist-Stunden gesamt)

9.3 Anwendungsbeispiele zur Tagfertigkeitsauswertung

Bild 9.1: Beispiel für ein Auswertungsszenario zur historischen Tagfertigkeit einer Kapazitätsgruppe

Das Beispielszenario Bild 9.1 zeigt eine Visualisierung von historischen Tagfertigkeitskennzahlen sowie Reports zu den Arbeitsgängen der Belegungsplanung für eine Kapazitätsgruppe. Wie man dem dynamischen Verlauf der Tagfertigkeitskennzahl entnehmen kann, handelt es sich in der Kapazitätsgruppe offensichtlich um einen insgesamt nicht beherrschten Prozess. Die Ursachen dafür sind ohne eine ergänzende Störanalyse nicht zu ermitteln. Es empfiehlt sich deshalb in einer derartigen Situation bei jeder Abweichung der Bearbeitungsreihenfolge sowohl die Störart als auch die Störursache zu erfassen, um daraus Vorschläge zur Beseitigung der Störquellen abzuleiten.

Bild 9.2: Beispiel für ein Auswertungsszenario mit vergleichender Betrachtung der historischen Tagfertigkeit für Kapazitätsgruppen

Die historische Tagfertigkeitsbetrachtung mit Hilfe einer Pivotauswertung wurde im Beispielszenario Bild 9.2 kombiniert mit Kennzahlenlisten und Reports, die die aktuellen Belegungsdaten sowie die tagesaktuellen Rückmeldungen der Online-Tagfertigkeit umfassen.

Bild 9.3: Beispiel für ein Szenario zur Shop-Floor-Anzeige der Online-Tagfertigkeit auf einem Großbildschirm

Das Beispiel aus Bild 9.3 zeigt die Fortschrittsdaten zur Online-Tagfertigkeit für die einzelnen Arbeitsplätze einer Kapazitätsgruppe sowie die zugehörige Belastungsübersicht für markierte Arbeitsplätze.

Bild 9.4: Beispiel für ein Szenario zur Shop-Floor-Anzeige der Online-Tagfertigkeit auf einem Großbildschirm

Im Anwendungsbeispiel werden die Fortschrittsdaten der Fertigung im Viertel-Stunden-Rhythmus aktualisiert, so dass alle Mitarbeiter in der Produktion jederzeit sehen können, an welchen Arbeitsplätzen die Abarbeitung des geplanten Tagespensums gefährdet ist.